Ehemalige

Zweite Chance, klares Ziel

Mit 25 Jahren weiß Amir genau, wohin er will – und er ist auf dem besten Weg dorthin. Der gebürtige Iraner lebt heute in Deutschland und hat am Westfalen-Kolleg Dortmund sein Abitur abgelegt. Doch der Weg dorthin war alles andere als geradlinig.

Lange Zeit hatte er das Gefühl, dass sein Alltag stillstand. Ein Ziel war zwar vorhanden – Maschinenbau oder Physik studieren –, doch ohne schulische Perspektive wirkte es weit entfernt. Erst als ihm bewusst wurde, wie sehr er sich von seinen eigenen Möglichkeiten entfernte, fasste er einen Entschluss: Er meldete sich am Westfalen-Kolleg an. Nicht Resignation, sondern ein innerer Aufbruch war der Auslöser.

Auf das Kolleg aufmerksam wurde er durch einen Bekannten. Nach eigener Recherche war er schnell überzeugt: die klare Struktur, die freundliche Atmosphäre und das Konzept des zweiten Bildungswegs passten genau zu jemandem, der motiviert ist, aber einen Neustart brauchte.

Die ersten Monate waren nicht ohne Hürden. Nach einer längeren Lernpause wieder in einen regelmäßigen Rhythmus zu finden, erforderte Disziplin und Durchhaltevermögen. Hinzu kam die alltägliche Herausforderung, Sprache, Organisation und den eigenen Leistungsanspruch gleichzeitig zu managen. Doch mit der Zeit fiel vieles leichter – und die Fortschritte wurden spürbar.

Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm jene Momente, in denen er merkte, dass seine Leistungen besser wurden und er sich wieder „auf dem richtigen Weg” befand. Gemeinsames Lernen, bestandene Klausuren, das wachsende Selbstvertrauen – aus vielen kleinen Schritten entstand eine echte Entwicklung. Die drei Jahre am Westfalen-Kolleg veränderten seinen Alltag grundlegend: Struktur, persönliches Wachstum und das stetige Näherkommen an ein konkretes Ziel prägten diese Zeit.

Mit dem Abitur in der Hand stehen ihm nun Türen offen, die zuvor verschlossen schienen. Er plant, Maschinenbau oder Physik zu studieren und sich langfristig im technischen Bereich zu spezialisieren – idealerweise in der High-Tech-Branche oder in Projekten aus den Bereichen Energie und Aerospace.

Rückblickend ist für ihn klar: Der zweite Bildungsweg ist keine Niederlage, sondern eine echte Chance. „Manchmal fühlt man sich, als hätte man Zeit verloren – aber wenn man den richtigen Weg findet, kann man alles wieder aufholen.” Für Amir war das Westfalen-Kolleg genau dieser Weg.

 

„Mehr drin, als der Job hergab”

Mit 30 Jahren hat Luca am Westfalen-Kolleg Dortmund sein Abitur abgelegt – als Quereinsteiger, nach acht Jahren Berufsleben und einem Moment, der alles veränderte.

Nach seiner Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement arbeitete er fünf Jahre im Betrieb. Der Job war stabil, der Alltag geregelt – doch das Gefühl, mehr in sich zu tragen als die Stelle hergab, blieb. Den entscheidenden Impuls gab schließlich ein Krankenhausaufenthalt: Die Zeit abseits des gewohnten Alltags gaben ihm Raum, über seine bisherige Arbeit nachzudenken – über die Bedingungen, den Lohn, die fehlende Herausforderung. Die Bilanz fiel eindeutig aus: Dieser Weg war nicht seiner. Gespräche mit anderen Patienten öffneten zusätzlich die Augen: Dass es Schüler-BAföG gibt, das nicht zurückgezahlt werden muss, war für viele eine Überraschung – und nahm ihm die letzte Hürde. Er kündigte seinen Job und fing 2024 am Westfalen-Kolleg an.

Das Ziel ist klar umrissen: Psychologie – klinisch, forensisch, kriminologisch. Einen NC von mindestens 1,2 hat er sich vorgenommen, einen Bachelor als ersten Schritt, danach will er weitersehen. Auch seine Stärke in Mathematik und logischem Denken kommt ihm dabei zugute.

Der Wiedereinstieg in den Schulalltag war nach acht Jahren im Beruf zunächst eine echte Umstellung. Im Job gab es Aufgaben, Routinen, einen aktiven Part – in der Schule saß er plötzlich wieder und hörte zu. Das kostete Kraft. Doch was ihn von Anfang an überraschte und trug, war die Atmosphäre am Kolleg. Kein Rassismus, faire Behandlung, echtes Mitspracherecht – Dinge, die er in seiner Schulzeit als Jugendlicher vermisst hatte. Sämtliche Lehrkräfte haben diesen Anspruch gelebt, sagt er, und meint das ausdrücklich so. Das Engagement wurde belohnt: Wer Interesse zeigte, fand leichter Zugang zum Stoff. Er selbst brachte sich in der Schülervertretung und im Awareness-Team ein – Räume, die ihm wichtig waren.

Seine Erwartungen wurden in jeder Hinsicht übertroffen. Wenn mal ein Tag nicht gut lief, war Verständnis selbstverständlich – nicht Gleichgültigkeit, sondern echte Unterstützung. Angebote wie Arbeitsgemeinschaften und Nachhilfe taten ihr Übriges. Gleichzeitig ist er ehrlich: Das Kolleg ist kein Wunschkonzert. Der Rahmen wird ausgeschöpft, Toleranz ist vorhanden – aber Ernsthaftigkeit wird erwartet. Was ihn nachdenklich stimmt: Nicht alle Mitstudierende haben diese Chance als das wahrgenommen, was sie ist.

Sein Rat an alle, die zögern: „Traut euch, geht den Schritt – und reißt euch auch zusammen.” Das Westfalen-Kolleg stärkt, wer bereit ist, sich stärken zu lassen. Er ist der Beweis dafür.

Angekommen – und längst nicht am Ziel

Mit 22 Jahren blickt Alina auf einen außergewöhnlichen Bildungsweg zurück. Sie kommt ursprünglich aus Afghanistan und lebt seit vier Jahren und fünf Monaten in Deutschland. Flucht, unterbrochene Bildung und ein erschwerter Zugang zu schulischer Ausbildung prägten lange ihren Alltag. Erst mit dem Besuch einer Abendschule und später des Westfalen-Kollegs erhielt ihr Leben wieder Struktur und eine neue Perspektive.

In ihrer Heimat hatte sie die Schule bis zur 9. Klasse besucht und dabei sehr gute Noten erzielt. Schon damals stand ihr Berufswunsch fest: Ärztin werden. Durch die Flucht konnte sie diesen Weg zunächst nicht weiterverfolgen. Das Abitur nachzuholen wurde für sie zum entscheidenden Schritt, um diesen Lebenstraum doch noch zu verwirklichen.

Der Weg dorthin war jedoch nicht einfach. Nach ihrer Ankunft in Deutschland scheiterten Versuche, sich an Gesamtschulen und Gymnasien anzumelden, an ihrem Alter – eine Erfahrung, die sie als sehr belastend erlebte. Mit der Entdeckung der Abendschulen eröffnete sich schließlich eine neue Möglichkeit und ein Wendepunkt auf ihrem Bildungsweg.

Nach dem Abschluss der 10. Klasse an der Abendrealschule in Gelsenkirchen suchte sie gezielt nach einer Schule, an der sie ihr Abitur ablegen konnte. Ausschlaggebend für das Westfalen-Kolleg waren die Möglichkeit, Englisch als Leistungskurs zu wählen und Latein zu lernen – beides war ihr wichtig –, ebenso wie die positiven Rückmeldungen anderer und das gelebte Prinzip „Schule auf Augenhöhe“.

Die Schulzeit war geprägt von einem respektvollen und unterstützenden Miteinander. Die Lehrkräfte begleiteten ihren Weg engagiert und verständnisvoll, sodass sie sich von Anfang an wohlfühlte und gerne zur Schule ging. Gleichzeitig stellte der Schulalltag hohe Anforderungen. Besonders die deutsche Sprache war anfangs eine große Herausforderung und erforderte deutlich mehr Zeit für das Lesen, Lernen und Verstehen. Hinzu kamen der hohe Leistungsanspruch und die Umstellung auf das deutsche Bildungssystem.

Auch außerhalb der Schule trug sie viel Verantwortung: Als Älteste von sechs Geschwistern unterstützte sie ihre Familie bei Behördengängen, Terminen und schulischen Angelegenheiten. Trotz dieser Belastungen verfolgte sie ihr Ziel konsequent und versuchte, keine einzige Unterrichtsstunde zu verpassen.

Neben den Herausforderungen bleiben viele positive Erinnerungen. Besonders prägend waren gemeinsame Lernerfolge, motivierende Gespräche mit Lehrkräften und das stetige Gefühl, dem eigenen Ziel näherzukommen. Die Zeit am Westfalen-Kolleg bedeutete nicht nur fachliches Lernen, sondern auch eine große persönliche, sprachliche und kulturelle Entwicklung.

Mit dem Abitur eröffnen sich nun neue Wege. „Das Abitur hat mir die Möglichkeit gegeben, meinen ursprünglichen Lebenstraum wieder realistisch zu verfolgen”, sagt sie. Der nächste Schritt ist klar: ein Medizinstudium und der Beruf der Ärztin. Dabei möchte sie ihre Erfahrungen und ihre Motivation nutzen, um Verantwortung zu übernehmen und einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Rückblickend gehören die drei Jahre am Westfalen-Kolleg trotz aller Herausforderungen zu den besten Zeiten ihres Lebens. Ihre Geschichte ist eine Einladung an alle, die an ihren Zielen zweifeln: Es lohnt sich, nicht aufzugeben – auch wenn der Weg länger und schwieriger ist als geplant.

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